Feed the Monster oder: Wer bestimmt, was KI über Deine Destination weiß?

Früher haben wir unser Budget in Google-Anzeigen und SEO-Agenturen gesteckt. Heute sollen wir unsere Inhalte KI-lesbar strukturieren, Wikidata-Einträge pflegen und RAG-fähige Datensätze aufbauen. Das Spiel heißt anders – aber der Mechanismus klingt vertraut: Feed the Monster.

Ist das also nur die nächste Runde im ewigen Abhängigkeitszyklus zwischen Tourismusorganisationen und digitalen Plattformen?

Was sich verändert hat

Reisende fragen heute keine Suchmaschinen mehr. Sie fragen KI. „Was kann ich im Herbst in der Uckermark machen?" landet nicht mehr bei zehn blauen Links, sondern bei einer synthetisierten Antwort aus Gemini, ChatGPT oder Perplexity. Diese Antwort zitiert Quellen – aber welche, entscheiden die Algorithmen im Hintergrund.

Das Prinzip dahinter heißt RAG: Retrieval-Augmented Generation. KI-Systeme greifen beim Beantworten von Fragen auf externe Wissensquellen zurück, d.h. auf strukturierte Daten, vertrauenswürdige Webseiten, Wikidata, Fachpublikationen u.a.. Was dort nicht auftaucht, existiert für die KI schlicht nicht.

Die Disziplin, die daraus entstanden ist, nennt sich GEO: Generative Engine Optimization. Das ist der Versuch, in KI-generierten Antworten sichtbar und zitierbar zu werden.

Warum der Vergleich mit SEO hinkt und trotzdem stimmt

Ja: Wir stecken wieder Ressourcen in die Sichtbarkeit bei einem Intermediär, den wir nicht kontrollieren. Das ist strukturell das gleiche Spiel wie bei Google.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Beim klassischen SEO haben wir Geld verbrannt, insbesondere für Sichtbarkeit, die wir gemietet haben. Paid Ads: weg, wenn das Budget ausläuft. Backlinks: veraltet, wenn der Content stirbt.

Wer dagegen heute seine Destinationsdaten sauber strukturiert – maschinenlesbar, schema.org-konform, faktenbasiert, konsistent über alle Kanäle – schafft dauerhaftes, wiederverwendbares Dateneigentum. Diese Daten nützen nicht nur Gemini. Sie nützen dem eigenen Chatbot, der App, dem Print-Redakteur, dem Open-Data-Portal, dem nächsten KI-System, das in zwei Jahren den Markt betritt.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Mietreichweite und strategischem Datenkapital.

Die eigentliche Bedrohung: OTAs fütten den Monster besser als wir

Wer heute in Gemini fragt „Wo kann ich am besten entspannen?", bekommt häufig Antworten, die Booking.com, Expedia oder TripAdvisor zitieren – nicht die der Tourismusorganisation, nicht die des Anbieters. Nicht weil diese Quellen besser sind. Sondern weil ihre Daten strukturierter, konsistenter und RAG-tauglicher aufbereitet sind. OTAs haben längst verstanden: Wer die Wissensdatenbank füttert, bestimmt die Antwort.

Das ist die eigentliche strategische Herausforderung für DMOs: Wir haben das Wissen über die Destination. Aber wir liefern es im falschen Format. Oft zu verschachtelt, zu marketingsprachlich, zu wenig maschinenlesbar.

Was Destinationsorganisationen jetzt konkret tun können

1. Den eigenen KI-Fußabdruck kennen
Einfach mal anfangen: Typische Gästefragen in Gemini, ChatGPT und Perplexity eingeben und dokumentieren. Wer wird genannt? Welche Quellen zitiert die KI? Was stimmt nicht? Das ist der erste Schritt.

2. Daten strukturieren statt texten
KI-Systeme lieben keine Marketing-Sprache. Sie lieben Fakten, klare Q&A-Formate, Schema-Markup, konsistente Standortdaten, konkrete Angebotsbeschreibungen.

3. Wikidata als strategisches Asset begreifen
Wikidata ist eine der meistgenutzten Wissensquellen für LLMs. Attraktionen, Routen, Events – wer dort strukturierte Einträge pflegt, beeinflusst direkt, was KI über die eigene Destination „weiß".

4. Die llms.txt-Datei einrichten
Analog zur robots.txt für Suchmaschinen gibt es inzwischen einen entstehenden Standard: eine llms.txt-Datei auf der eigenen Website, die KI-Crawlern sagt, welche Inhalte priorisiert werden sollen. Klein, wirkungsvoll, noch kaum jemand macht es.

5. Die ODTA-Standards nutzen
Die Open Data Tourism Alliance baut semantische Datenstandards, die explizit für RAG- und KI-Kompatibilität entwickelt werden.

Fazit: Wer die Daten hat, hat die Antwort

„Feed the Monster" ist kein schlechter Instinkt. Aber er greift zu kurz, wenn wir dabei nur an Aufwand denken. Die Frage ist nicht, ob wir Ressourcen investieren, sondern in wessen Infrastruktur wir sie investieren.

Wer jetzt anfängt, eigene strukturierte Destinationsdaten aufzubauen, die für KI-Systeme zugänglich sind, investiert nicht in den nächsten Intermediär. Er investiert in die digitale Souveränität seiner Destination und in eine Dateninfrastruktur, die nicht mit dem nächsten Algorithmus-Update wertlos wird.

Das Spiel heißt nicht mehr SEO. Es heißt: Wer bestimmt, was die KI über meine Destination weiß?

Und die Antwort sollten wir sein.


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Resonanzräume statt Reklametafeln