Sechs Jahre warten. Und wir wundern uns über Stillstand

Ein Essay über Verantwortung, Begegnung und Entwicklung jenseits der Städte

Vor einigen Wochen saß mir eine Unternehmerin gegenüber. Ländlicher Raum, touristisches Projekt, herausragende Idee, tragfähiges Geschäftsmodell. Kein Schnellschuss, kein Luxusvorhaben, sondern ein Ort, an dem Menschen arbeiten, übernachten, sich begegnen sollten.
Sie wartete sechs Jahren auf ihre Baugenehmigung.

Sechs Jahre, in denen keine Arbeitsplätze entstanden sind.
Sechs Jahre, in denen kein Kapital investiert wurde.
Sechs Jahre, in denen sich niemand vor Ort begegnen konnte, weil es diesen Ort schlicht nicht gibt.

Nicht, weil die Idee schlecht wäre.
Nicht, weil der Markt sie nicht wollte.
Sondern, weil sie nicht durfte.

Fast zeitgleich lese ich im Spiegel ein Interview mit dem Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Die Diagnose ist klar: ländliche Räume, insbesondere in Ostdeutschland, verlieren wirtschaftlich den Anschluss. Fehlende Innovation, ausbleibende Investitionen, Abwanderung. Wenn extremistische Parteien dort an Einfluss gewinnen, so der Befund, wären die ökonomischen Folgen in ganz Deutschland spürbar.

Beides zusammen – die persönliche Erfahrung und die makroökonomische Analyse – lassen mich nicht los. Denn zwischen beiden liegt eine Leerstelle, über die erstaunlich selten gesprochen wird.

Abgehängt? Oder ausgebremst?

Die wirtschaftspolitische Debatte über ländliche Räume folgt meist einem bekannten Muster. Sie ist stark industriezentriert. Es geht um Großbetriebe, Investitionssummen, Firmensitze, Forschungseinrichtungen. Diese Perspektive ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig.

Denn sie übersieht jene Akteure, die tatsächlich bereit wären, in ländlichen Räumen zu investieren: kleine und mittlere Unternehmen, Gründerinnen und Gründer, häufig aus dem Tourismus, der Freizeitwirtschaft, der Kultur oder angrenzenden Bereichen. Menschen, die nicht auf Milliarden warten, sondern auf Genehmigungen. Nicht auf Subventionen, sondern auf Verlässlichkeit.

Der Stillstand in vielen Regionen ist kein Mangel an Ideen. Er ist ein Mangel an Umsetzungsmöglichkeiten. Um diese Leerstelle besser zu verstehen, lohnt ein genauerer Blick: Schicht für Schicht.

Erste Schicht: Tourismus als Innovationsökonomie

Tourismus wird bis heute primär als Marketingaufgabe verstanden. Als Branche, die Gäste anzieht, Übernachtungen zählt und Wertschöpfung generiert, wenn alles gut läuft. Was dabei häufig übersehen wird: Tourismus ist auch eine Gründungs- und Investitionsökonomie.

Hotels, Naturcamps, Begegnungsorte, Kultur- und Freizeitangebote entstehen nicht von selbst. Sie benötigen Kapital, Mut, Zeit und ein System, das Entwicklung zulässt. Genau hier liegt das Problem.

Banken finanzieren touristische Vorhaben im ländlichen Raum kaum noch. Risiken werden hoch angesetzt, Immobilienlogiken dominieren, weiche Faktoren zählen wenig. Staatliche Zuschüsse sind kompliziert, langwierig, projektförmig. Und Genehmigungsverfahren ziehen sich über Jahre.

Nicht selten sterben Projekte nicht an mangelnder Nachfrage, sondern an administrativer Erschöpfung. Wer sechs Jahre wartet, gründet entweder nicht oder woanders. Von mutigen Ausnahmen abgesehen.

Zweite Schicht: Tourismus öffnet Räume

Tourismus kann etwas, das Industrie kaum leisten kann: Er bringt Menschen in Räume, die sie sonst nie betreten würden. Nicht als Arbeitsmigration, nicht als dauerhafte Zuwanderung, sondern niedrigschwellig, freiwillig, neugierig.

Viele Lebensentscheidungen beginnen genau so: mit einem Besuch, einer Landschaft, einem Ort, an dem man sich vorstellen kann zu bleiben. Gerade Regionen wie die Altmark oder der Thüringer Wald sind landschaftlich hoch attraktiv, auch wenn sie industriell nicht konkurrenzfähig sind.

Die Alternative ist also nicht: Industrie oder Aufgabe.
Die Alternative ist: andere Entwicklungslogiken.

Tourismus kann temporäre Präsenz erzeugen, aus der Bindung entsteht. Aus Bindung entstehen Ideen. Und aus Ideen unternehmerisches Handeln. Aber nur, wenn man es lässt.

Dritte Schicht: Tourismus als soziale Infrastruktur

Vielleicht liegt hier das am meisten unterschätzte Potenzial des Tourismus. Touristische Orte sind Begegnungsräume. Menschen aus unterschiedlichen Regionen, Milieus und Lebensentwürfen treffen sich dort, ohne dass es erklärungsbedürftig ist. Gast und Gastgeber begegnen sich auf Augenhöhe, zumindest potenziell und im besten Fall. Anders als in vielen anderen gesellschaftlichen Kontexten sind Rollen hier nicht festgeschrieben.

In Regionen mit wenig Zuwanderung, wenigen Konzernarbeitsplätzen und geringer sozialer Durchmischung ist das nicht trivial. Tourismus ist oft der einzige akzeptierte Kontaktkanal nach außen. Eine Art Offenheitsinfrastruktur.

Wer den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ländlichen Räumen stärken will, sollte diesen Aspekt nicht unterschätzen.

Vierte Schicht: Der institutionelle Engpass

Wenn man über die Rolle von Destination Management Organisationen (DMOs) spricht, lohnt ein differenzierter Blick. DMOs sind historisch nicht als Entwicklungs- oder Innovationsagenturen entstanden, sondern als Marketingorganisationen, häufig hervorgegangen aus lokalen Verkehrs- und Verschönerungsvereinen, später ergänzt um Gästelotsenfunktionen, Tourist-Informationen und überregionale Vermarktung. Diese Herkunft erklärt ihre heutige Rolle und ihre Grenzen.

Gleichzeitig wäre es falsch, DMOs auf Werbung und Website zu reduzieren. In vielen Regionen haben sie ihr Aufgabenprofil in den vergangenen Jahren deutlich erweitert: Sie beschäftigen sich mit Lebensraumthemen, mit Angebotsentwicklung, mit Qualität, Nachhaltigkeit, teils auch mit Innovation und neuen Nutzungsformen. In den Organisationen sitzt viel Know-how, oft hoch spezialisierte Expertise, die weit über klassisches Marketing hinausgeht.

Das Problem ist weniger ein Kompetenzdefizit als ein Mandatsdefizit. DMOs bewegen sich strukturell an den Kanten von Stadt- und Regionalentwicklung. Sie sind beteiligt, moderieren, vernetzen – dürfen aber häufig nicht entscheiden. Tourismus wird vielerorts weiterhin als freiwillige Aufgabe behandelt, weil er rechtlich so eingeordnet ist. In politischen Entscheidungsprozessen gelten DMOs deshalb nicht selten als nachgeordnete Akteure, die umsetzen, was andere vorgeben, statt selbst Verantwortung zu tragen.

Dabei wäre ihr Potenzial ein anderes: als Lotsen, als Übersetzer zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Politik, als Organisationen, die die Logiken von Nachfrage, Raum und Entwicklung zusammenbringen. Was ihnen dafür fehlt, ist nicht Wille, sondern Rückendeckung und ein klarer Auftrag.

Fünfte Schicht: Zuständigkeit oder Verantwortung?

An dieser Stelle wird die Diskussion grundsätzlicher. In Genehmigungs- und Förderprozessen erleben viele Unternehmerinnen und Unternehmer immer wieder dieselbe Situation: Zuständigkeiten werden abgegrenzt, Verfahren verschoben, Verantwortung weitergereicht. Formal ist das korrekt. Praktisch ist es lähmend.

Ein ehemaliger Bürgermeister, den ich sehr schätze, brachte es einmal treffend auf den Punkt:
Nicht die Frage „Bin ich zuständig?“ bringt Prozesse voran, sondern die Frage „Bin ich verantwortlich?“.

Genau hier liegt ein zentraler Hebel. Es braucht nicht nur schnellere Verfahren und weniger Bürokratie, sondern Akteure in Politik und Verwaltung, die vorhandene Ermessensspielräume nutzen – und den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Regeln allein blockieren nicht. Blockierend wirkt vor allem eine Kultur, die Verantwortung scheut.

Sechste Schicht: Systeme statt Silos

Vor diesem Hintergrund greift es zu kurz, allein über Organisationsreformen zu sprechen. Entscheidend sind die Systeme, in denen Tourismus, Wirtschaftsförderung und ländliche Entwicklung verankert sind. In einigen Regionen sind diese Bereiche organisatorisch bereits zusammengeführt und dennoch bleibt der erhoffte Durchbruch aus.

Warum? Weil die Spielräume, die solche integrierten Strukturen eigentlich eröffnen könnten, oft nicht ausgeschöpft werden. Pilotprojekte bleiben Projekte. Möglichkeitsräume bleiben theoretisch. Innovation wird erlaubt, solange sie nicht vom Standard abweicht.

Was fehlt, sind differenzierte Regeln für unterschiedliche Räume.

Siebte Schicht: Nicht mehr Regeln, sondern andere

Die Forderung nach Bürokratieabbau ist berechtigt, aber oft unpräzise. Es geht weniger um weniger Regeln als um passendere Regeln. Ein Hotelanbau in einem verdichteten Innenstadtquartier ist nicht vergleichbar mit einem Vorhaben im dünn besiedelten ländlichen Raum. Nutzungskonflikte, Risiken und Auswirkungen sind grundlegend unterschiedlich, werden aber häufig gleich behandelt.

Ländliche Räume wären prädestiniert für:

  • schnellere, befristete Genehmigungen,

  • experimentelle Reallabore,

  • reversible Eingriffe,

  • mehr Ermessensspielräume bei klaren Leitplanken.

Gerade dort, wo wenig ist, ließe sich mehr wagen. Nicht trotz, sondern wegen der geringen Dichte.

Schließlich: Die eigentliche Aufgabe

Wenn wir ländliche Räume nicht aufgeben wollen, müssen wir aufhören, sie ausschließlich mit den Maßstäben anderer Räume zu messen. Es braucht Organisationen, ja – aber vor allem braucht es integrierte Systeme, die Verantwortung ermöglichen, statt Zuständigkeiten zu verwalten.

Tourismus kann darin eine Schlüsselrolle spielen. Nicht als Allheilmittel, sondern als Brücke zwischen Wirtschaft, Raum und Gesellschaft. Dafür müssen wir ihn – und seine Institutionen – nicht neu erfinden. Wir müssen ihnen lediglich erlauben, das zu tun, was sie längst könnten.

Vielleicht geht es am Ende auch weniger darum, ländliche Räume neu zu erfinden, als ihnen endlich zu erlauben, sich anders zu entwickeln.

 

 

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Zwischen Haushaltsnot und Zukunftsfähigkeit