Die Last der Gewissheit. Oder: Ein Hoch auf die “C-Destinationen”
Ich sitze auf der Terrasse eines Ferienhauses irgendwo in Nordjütland. Wo genau, werde ich nicht verraten.
Vor mir sucht manchmal ein Eichhörnchen nach Nüssen. Ich beobachte es inzwischen seit mehreren Tagen. Mittlerweile weiß ich, dass es mindestens zwei sind. Rehe habe ich gesehen, eine Robbe, erstaunlich viele unterschiedliche Vögel. Nachts ist es hier dunkel. Keine Straßenbeleuchtung, kaum künstliches Licht. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das Meer und die Vögel. Mehr eigentlich nicht.
Gestern war ich in der Fasssauna. Heute brennt die Feuerschale. Es ist angenehm warm, aber nicht drückend heiß. Ein Eis mit Guf bekomme ich problemlos, Restaurants gibt es auch, ebenso Supermärkte und alles, was man im Alltag braucht. Wenn mir nach Stadt ist, kann ich nach Aalborg fahren oder auch weiter nach Aarhus. Wenn mir nach Meer ist, gehe ich an einen Strand, an dem ich kilometerweit laufen kann und teilweise kaum jemandem begegne. Kurz gesagt: Mir fehlt nichts.
Und während ich hier sitze, lese ich einen Artikel über die Dolomiten. Über die Drei Zinnen. Bilder von Menschenmassen, Autos, Warteschlangen, überfüllten Wegen. Menschen warten auf einen Parkplatz, auf einen Bus, auf Essen, auf das Foto, das vor ihnen schon Tausende andere gemacht haben.
Und ich frage mich: Warum machen Menschen das eigentlich?
Warum fahren wir freiwillig genau dorthin, wo wir ziemlich sicher wissen können, dass alle anderen auch hinfahren? Es voll ist, wir anstehen müssen und uns vieles nerven wird.
Lust an der Last?
Wir wissen eigentlich: Überfüllung touristischer Hotspots ist heute keine Überraschung mehr. Wer im Sommer nach Venedig fährt, nach Dubrovnik, an besonders berühmte Strände oder eben zu den bekanntesten Orten der Dolomiten, kann sich vorher ziemlich genau ansehen, was ihn erwartet. Es gibt Google, Instagram, TikTok, Webcams, Bewertungen, Reiseblogs und Millionen Fotos. Trotzdem fahren Menschen hin, gelockt durch die Macht der Ikonen.
Man fährt eben nicht einfach in eine beeindruckende Gebirgslandschaft. Man fährt zu den Drei Zinnen. Nicht in irgendeine europäische Altstadt, sondern nach Venedig. Nicht an irgendeinen Aussichtspunkt, sondern genau an den Aussichtspunkt, dessen Bild man schon hundertmal gesehen hat. Das ist offenbar ein wichtiger Unterschied.
Denn damit geht es nicht mehr allein darum, ein bestimmtes Erlebnis zu haben. Es geht darum, das Erlebnis an genau diesem Ort gehabt zu haben und anderen zu beweisen, dass man es auch hatte.
Eine schöne Bergwanderung ist grundsätzlich ersetzbar. Die Drei Zinnen sind es offenbar nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn das Ziel lautet: Ich möchte die Drei Zinnen sehen.
Die Last der Gewissheit
Unser aller Urlaub ist knapp. Zeitlich und häufig auch finanziell. Wer zwei bis drei Wochen im Sommer verreist und dafür viel Geld ausgibt, möchte verständlicherweise keine Fehlentscheidung treffen.
Ein berühmter Ort reduziert dieses Risiko. Wenn Millionen Menschen schon dort waren, wenn Tausende Bewertungen sagen, dass es wunderschön ist (Drei Zinnen mit 4,8 bei Google 😊), wenn Reiseführer den Ort seit Jahrzehnten empfehlen und soziale Medien ständig neue Bilder liefern, entsteht eine starke Gewissheit: Wenn alle dort hinfahren, muss dort etwas sein.
Die Menschenmenge selbst erfüllt eine paradoxe Funktion. Sie bestätigt die Entscheidung. Offensichtlich ist dies ein besonderer Ort. Sonst wären schließlich nicht so viele andere Menschen hier.
Man steht also im Stau, sucht einen Parkplatz und wartet auf einen Tisch und bekommt dafür etwas ausgesprochen Wertvolles: die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein.
Deshalb ist das auch gar keine Lust an der Last, sondern eher die Last der Gewissheit. Wir scheinen Unannehmlichkeiten zu akzeptieren, weil wir im Gegenzug sicher sein können, nichts verpasst zu haben.
Touristisches Reisen braucht Souveränität
Ich merke seit einigen Jahren, dass ich Urlaubsreisen anders auswähle. Nicht unbedingt bewusster geplant. Manchmal sogar im Gegenteil. Aber ich frage weniger: Wo muss ich einmal gewesen sein? Sondern eher: Was brauche ich eigentlich, damit es für mich ein guter Urlaub wird?
Ich brauche offenbar Ruhe. Landschaft. Gerne Wasser oder Berge. Platz. Etwas Infrastruktur. Möglichkeiten für die Kinder. Ein paar Orte, die man entdecken kann. Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten in erreichbarer Nähe. Natur. Sport kann ich eh fast überall machen. Und vor allem brauche ich das Gefühl, nicht permanent Teil eines touristischen Stromes zu sein. Wenn ich das weiß, brauche ich keinen bestimmten Strand, aber ich brauche die Eigenschaften eines guten Strandes. Ich brauche nicht zwingend eine berühmte Altstadt, aber ich brauche einen interessanten Ort, durch den ich zwei Stunden laufen kann.
Ich nenne das touristische Souveränität, also die Fähigkeit, die Qualität des eigenen Reiseerlebnisses von der gesellschaftlich zugeschriebenen Bedeutung eines Ortes zu entkoppeln. Nicht zu fragen: Wo fahren alle hin? Sondern: Was passt eigentlich zu mir?
Damit war ich in den letzten Jahren an vielen Orten, die bei anderen vielleicht unter „ferner liefen“ auftauchen würden, erweitere damit aber den Horizont meiner Reisemöglichkeiten enorm.
Ein Hoch auf die C-Destinationen
In diesem Zusammenhang sprechen wir gerne von A-Destinationen, B-Destinationen oder C-Destinationen. Paris ist A. Venedig auch. Dolomiten ganz klar ebenfalls. Mein Ferienort irgendwo in Nordjütland? Vielleicht C, vielleicht D? Aber nach welchen Kriterien überhaupt? Nach allgemeiner Bekanntheit? Nach Übernachtungen? Ja, vielleicht. Aber für mich persönlich ganz klar A. Ruhe = A, Platz = A, Natur =A, Alltagsnähe = A.
Es scheint so zu sein, dass viele unserer touristischen Hierarchien deshalb vor allem Reputationshierarchien und keine Qualitätshierarchien sind. Die C-Destination ist nur C, weil sie weniger Menschen kennen. Für den richtigen Gast kann sie eine A-Destination sein. Und umgekehrt kann die berühmte A-Destination für jemanden, der Ruhe, Platz und Spontaneität sucht, längst keine A-Destination mehr sein.
Das Eichhörnchen-Problem
Und dann gibt es da mein Eichhörnchen. Wie gesagt, seit Tagen beobachte ich es vor dem Ferienhaus. Manchmal kommt das zweite dazu. Für mein Urlaubserlebnis ist das inzwischen erstaunlich wichtig geworden. Nicht weil nordjütländische Eichhörnchen besonders exotisch wären. Sie sind es nicht. Sondern weil dieses kleine, völlig unspektakuläre Erlebnis für etwas anderes steht. Ich habe Zeit und Ruhe und sitze lange genug an einem Ort, dass ich anfange, ihn wahrzunehmen. Ich sehe, wann die Vögel kommen. Ich bemerke die Rehe. Ich höre das Meet und stelle fest, wie dunkel eine Nacht eigentlich sein kann, wenn keine Straßenlaterne vor dem Haus steht.
Touristisch ist das allerdings ein ziemliches Vermarktungsproblem. Denn was soll eine Destination daraus machen? Ein Eichhörnchen fotografieren und darunter schreiben: Kommt zu uns!
Das funktioniert vermutlich nur begrenzt. Eichhörnchen gibt es schließlich überall. Genauso oft wie Wälder, Wiesen, kleine Häfen, Felder, Seen, Dünen oder Vögel.
Die Drei Zinnen haben dieses Problem nicht. Der Eiffelturm auch nicht. Die Tower Bridge ebenso wenig. Ein Bild reicht, das bereits die gesamte touristische Bedeutung in sich trägt.
Das Eichhörnchen tut das nicht. Sein Wert entsteht erst aus dem Zusammenhang. Das touristische Produkt ist nicht das Eichhörnchen. Es ist mein Zustand, in dem das Eichhörnchen plötzlich wichtig wird und in dem ich mich nun befinde durch äußere und innere Umstände. Und genau diesen Zustand zu vermarkten, ist verdammt schwierig.
Man könnte das auch das „Eichhörnchen-Problem des Destinationsmarketings“ nennen:
Je stärker die Qualität eines Ortes aus Ruhe, Raum, Alltag, Zufall und unspektakulären Momenten entsteht, desto schlechter lässt sie sich in der klassischen touristischen Ikonografie darstellen. B-, C- oder D-Destinationen haben deshalb häufig kein Qualitätsproblem. Sie haben ein Übersetzungsproblem.
Haben wir wirklich ein Overtourism-Problem?
Und damit komme ich zum letzten Punkt meiner gedanklichen Reise. Wir diskutieren weltweit intensiv über Overtourism. Völlig zu Recht.
Es gibt Orte, an denen touristische Belastungen längst Grenzen erreicht oder überschritten haben. Kommunen regulieren Besucher, begrenzen Verkehr, diskutieren Eintrittssysteme und suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, Ströme zu lenken.
Gleichzeitig gibt es riesige Räume, die um jeden zusätzlichen Gast kämpfen. Auch in Deutschland. Einige wenige Orte sind zeitweise voll. Aber schon wenige Kilometer weiter sieht die Welt oft ganz anders aus. Deshalb halte ich es für problematisch, von einem generellen Zuviel an Tourismus zu sprechen. Es ist eher ein zu viel Tourismus an zu wenigen Orten.
Und gleichzeitig zu wenig Aufmerksamkeit für sehr viele andere. Overtourism beginnt dabei lange vor der Anreise und Besucherlenkung häufig erst dann, wenn die Menschen längst da sein. Auch das ist grundsätzlich richtig, bekämpft aber nur die Symptome.
Modernes Destinationsmanagement muss darum nicht nur über Besucherlenkung sprechen, sondern viel stärker über Aufmerksamkeitslenkung. Nicht erst Menschen umverteilen, wenn sie bereits am überfüllten Parkplatz stehen. Sondern vorher andere Vorstellungen davon erzeugen, was ein guter Urlaub eigentlich sein kann.
Aber wie vermarktet man einen Ort, dessen größte Qualität darin besteht, dass dort nicht besonders viel passiert? Wie verkauft man Ruhe, ohne dass Ruhe nach Langeweile klingt? Wie verkauft man Leere, ohne dass Leere nach fehlender Infrastruktur aussieht? Wie verkauft man Alltag? Wie verkauft man die Möglichkeit, spontan irgendwo hinzufahren und sich treiben zu lassen? Wie verkauft man einen Strand, der nicht deshalb besonders ist, weil er weltweit einzigartig wäre, sondern weil man dort im August zwei Kilometer laufen kann, ohne sich durch Menschenmassen zu bewegen? Das verlangt eine andere Form von Marketing.
Eine, die nicht ausschließlich Orte zeigt. Sondern Zustände beschreibt.
Die A-Destination muss nicht A bleiben
Wenn es mit den überfüllten Bildern so weitergeht, verändert sich irgendwann unsere Vorstellung, was touristische Attraktivität bedeutet. Dann schlägt möglicherweise die große Chance der vermeintlichen B-, C- und D-Destinationen.
Sie müssen nicht Venedig kopieren. Nicht die Dolomiten. Nicht versuchen, ihre kleine Dorfkirche zum Eiffelturm zu erklären. Ihre Stärke liegt woanders. In Dingen, die zunehmend knapp werden:
Platz.
Ruhe.
Spontaneität.
Dunkelheit.
Natur.
Normalität.
Die „Leere“ wird in unserer überfüllten Welt selbst zur Ressource. Eine Ressource, die wir nur noch nicht besonders gut erzählen können.
Und jetzt?
Ich glaube nicht, dass Menschen gerne Schlange stehen. Sie stehen auch nicht gerne im Stau. Und sie suchen wahrscheinlich nicht mit Begeisterung eine Stunde nach einem Parkplatz.
Sie nehmen all das in Kauf, weil ihnen der berühmte Ort Sicherheit gibt. Die Gewissheit, etwas Besonderes gesehen zu haben. Die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen und nichts verpasst zu haben.
Touristische Souveränität beginnt deshalb genau dort, wo wir bereit sind, ein wenig von dieser Gewissheit aufzugeben. Nicht mehr zwingend dorthin zu fahren, wo alle anderen hinfahren. Sondern herauszufinden, welche Art von Reise eigentlich zu uns passt. Die Welt ist schließlich groß genug. Und in dieser Welt kann ein Gegenmittel gegen Overtourism sein, die vielen vermeintlichen C-Destinationen endlich als das zu erzählen, was sie für den richtigen Menschen längst sind: A-Destinationen.
Ich jedenfalls bleibe noch ein bisschen auf meiner Terrasse sitzen. Das Eichhörnchen ist wieder da und sagt „Gute Nacht.“ Es wird dunkel, gleich sehe ich wieder die Sterne.
Den Standort verrate ich trotzdem nicht.